Werkstatt

KI sortiert meine Hochzeitsfotos – und erfindet, was sie nicht sieht

Mehrere hundert Aufnahmen sichten, bewerten, vorentwickeln: Dabei ist KI ein großartiger Assistent. Aber wo das Bildsignal dünn wird, rät sie – und aus einem Pony wurden zwei Schafe. Meine Regeln für KI am Fotoarchiv.

Nach einer Hochzeit lagen mehrere hundert Aufnahmen auf meiner Speicherkarte – und vor mir die Arbeit, die Fotografen am wenigsten lieben: sichten, aussortieren, bewerten, für die Bildbearbeitung vorbereiten. Diesmal habe ich den ersten Durchgang einer KI übergeben. Genauer: mehreren. Die Bilder wurden in Blöcke von etwa 25 Stück aufgeteilt, und ein kleines Aufgebot von KI-Instanzen arbeitete sie parallel durch – Schärfe, geschlossene Augen, Dubletten, Bildwirkung, dazu ein Bewertungsvorschlag und Voreinstellungen für die Entwicklung, alles maschinenlesbar neben die Originale geschrieben.

Das Ergebnis war ein erster Wurf, wie ihn sonst ein fleißiger Assistent liefert: nicht endgültig, aber eine echte Abkürzung. Die Sterne-Vorschläge lagen oft nah an meinem eigenen Urteil, offensichtlicher Ausschuss war zuverlässig markiert, und die Momente mit Emotion – Umarmungen, Lachen, Tränen – standen weit oben. Beim Sichten ist Bild-KI stark. Sie sieht schnell, unermüdlich und ohne die Betriebsblindheit des dritten Durchgangs.

Und dann das Pony

Ein anderes Projekt, dieselbe Technik: Für einen Reisebericht beschriftete die KI Fotos einer Wanderung. Auf einem davon, so schrieb sie, grasen „zwei Schafe“ an einem Obstbäumchen. Die Bildunterschrift ging online. Erst beim Blick aufs Vollbild fiel auf: Es ist ein Tier, und es ist kein Schaf – es ist ein Pony, ein einzelner Grauschimmel. Nichts an dem Bild war doppeldeutig – in voller Auflösung ist es völlig eindeutig. Die KI hatte aber nicht das volle Bild gesehen, sondern eine briefmarkengroße Vorschau auf einem Kontaktbogen.

[BILD: Bildpaar oder Ausschnitt – links das Kontaktbogen-Thumbnail (~300 px), rechts das Vollbild des Grauschimmel-Ponys. Quelle: bw-Witten-Artikel, wit-0014. Zielpfad /images/articles/foto-halluzination/.]

Das ist der Kern des Problems, und er ist grundsätzlicher als ein lustiger Einzelfall: Wo das Signal dünn ist, liefert Bild-KI trotzdem eine Antwort. Ein paar helle Pixel vor Wiese – das könnte ein Schaf sein, statistisch gesehen, und vielleicht sind es auch zwei. Das Modell sagt nicht „zu klein, kann ich nicht erkennen“. Es vervollständigt das Wahrscheinliche, im selben ruhigen Ton, in dem es auch das Richtige sagt. Bei Fotos heißt Halluzinieren nicht Sehen von Gespenstern, sondern: aus wenig Information eine konkrete Behauptung machen.

Dazu kommen stillere Fallen derselben Sorte. Bilddateien tragen eine unsichtbare Dreh-Markierung – Hochformate zeigt die Vorschau richtig, das Rohsignal liegt aber quer; wer der KI blind glaubt, dreht am Ende Bilder, die nie schief waren. Und wenn die hochauflösende Fassung eines Bildes fehlt, arbeitet die KI klaglos mit der kleinen weiter – der Qualitätsverlust fällt ihr nicht auf, mir später schon.

Meine Regeln für KI am Fotoarchiv

  1. Vorauswahl ja, letztes Wort nein. Die KI sortiert, gewichtet, schlägt vor. Was gelöscht wird und was ins Album kommt, entscheide ich am großen Bildschirm.
  2. Behauptungen nur aus voller Auflösung. Jede Bildunterschrift, jede Motiv-Nennung („Pferde und Schafe grasen …“) ist eine Tatsachenbehauptung, die veröffentlicht wird. Identifiziert wird am Original, nie an der Vorschau. Seit dem Pony ist das bei uns eine feste, notierte Regel (die KI führt Notizen).
  3. Im Zweifel eine Stufe allgemeiner. „Pony“ statt einer geratenen Rasse, „Greifvogel“ statt „Rotmilan“, wenn das Bild es nicht hergibt. Vage und richtig schlägt präzise und falsch.
  4. Qualität wird nie still herabgestuft. Fehlt das Original, wird gefragt statt geraten – ein kleines Bild ist ein Befund, kein Ersatz.

Was Du daraus mitnehmen kannst

Bild-KI ist ein hervorragender Sortierer und ein unzuverlässiger Zeuge. Für die Vorauswahl Deiner Urlaubsfotos kannst Du sie bedenkenlos arbeiten lassen – die Fehlerkosten sind niedrig, der Zeitgewinn groß. Sobald aus Bildern aber Aussagen werden – wer ist auf dem Foto, was zeigt der Befund, wie viele waren es –, gilt das Pony-Prinzip: Die KI hat vielleicht weniger gesehen, als ihre Antwort vermuten lässt. Frag nach, worauf sich die Aussage stützt, und schau im Zweifel selbst aufs Original.

/compact – das Wichtigste, wenn der Kontext knapp ist:

Bild-KI ist ein hervorragender Sortierer, aber ein unzuverlässiger Zeuge: Wo das Signal dünn ist, liefert sie trotzdem eine Antwort – im selben ruhigen Ton, in dem sie auch das Richtige sagt. So wurden aus einem einzelnen Pony auf einer briefmarkengroßen Vorschau „zwei Schafe“ – bei Fotos heißt Halluzinieren, aus wenig Information eine konkrete Behauptung zu machen. Dagegen helfen feste Regeln: Behauptungen nur aus voller Auflösung, im Zweifel eine Stufe allgemeiner, Qualität nie still herabstufen – und das letzte Wort hat der Mensch am Original.

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