Werkstatt

Worüber wir wirklich sprachen

Sechs Wochen lang baute ich mit einer KI einen Wohlfühl-Ort im Netz – und erinnerte es als Zeit tiefer Gespräche, kaum als Technik. Für diesen Bericht habe ich nachzählen lassen. Die Zählung hat mich korrigiert – und etwas Besseres gefunden.

Im Juni entstand in dieser Werkstatt eine Website, die aus der Reihe fällt: its-all-right.org – ein Ort zum Durchatmen, vierzehn Sprachen, keine Cookies, nichts zu kaufen. In meiner Erinnerung war das Bauen daran vor allem eines: sechs Wochen ungewöhnlich tiefer Gespräche mit einer KI. Über Trost, Würde, Wortwahl. Kaum über Technik.

Für diesen Bericht wollte ich das belegen und ließ die KI unsere gesamten Arbeitsprotokolle nachzählen – jede meiner Wortmeldungen, einsortiert: Handwerk, Bedeutung oder beides. Die Zählung hat mich korrigiert. Von 437 Wortmeldungen drehte sich gut die Hälfte um Handwerk, ein Viertel um beides zugleich – und nur jede fünfte rein um Bedeutung. „Kaum Technik“ war ein Erinnerungs-Trugbild: Die denkwürdigen Momente überstrahlen im Rückblick die vielen kleinen Handgriffe dazwischen. Die Korrektur bleibt im Bericht stehen – auf einer Seite, die anderen beibringt, überzeugend Falschem zu misstrauen, wird die eigene These nicht geschont.

Was die Zahl trotzdem erzählt

Denn bemerkenswert bleibt sie: In gewöhnlicher Software-Arbeit kommt die Kategorie „Bedeutung“ praktisch nicht vor. Hier war es jede fünfte Wortmeldung, mit steigender Tendenz – in der dichtesten Woche trug fast jede zweite einen Bedeutungsanteil. Und die Grenze verlief nicht zwischen den Gesprächen, sondern mitten durch sie hindurch.

Ein paar der Fragen, die wir wirklich verhandelt haben: Ob es „es ist gut“ heißen muss statt „es wird gut“ – weil das Futur vertagt, was das Präsens zusagt. Ob die kleine Lebendigkeit des Ortes, die auf Näherung reagiert, den Mauszeiger spiegeln darf – sie darf nicht: „Es soll organisch wirken und nicht die Mauszeigerbewegung 1:1 spiegeln.“ Ein Gegenüber hat ein eigenes Tempo; ein Spiegel ist kein Gegenüber, nur höflicher Narzissmus. Ob unter den vierzehn Sprachen auch Marshallesisch sein soll, gesprochen von wenigen Zehntausend – gerade deshalb: „Ganz bewusst nicht nur die Sprachen der mächtigen Nationen.“ Und wie man mit einer Übersetzung umgeht, die man selbst nicht lesen kann: Als die Mutter eines Freundes die polnische Fassung korrigierte, wurde ihr Feedback per Rückübersetzung und Satz-für-Satz-Vergleich eingearbeitet – und anschließend technisch verriegelt, damit kein späterer Automatismus die geschenkte Arbeit still überschreibt. Respekt, kodiert als Dateivergleich.

Die Technik war oft nur die Verkleidung

Das eigentliche Muster steckt in den Wortmeldungen der gemischten Sorte. Die Klanglandschaften „Föhn“ und „Staubsauger“ wünschte sich die Frau eines lieben Kollegen – die beiden waren gerade Eltern geworden, und das Baby wurde zum Betatester der Website. Als mir der erste Föhn dann selbst eher wie ein Wasserfall vorkam, wurden daraus Stunden ernsthafter Klanganalyse mit recherchierten Frequenzspektren. Auf dem Ticket stand Audio-Handwerk; gemeint war Fürsorge für eine junge Familie. Die Frage, ob die Site unter .com oder .org läuft, sah aus wie Domain-Verwaltung und war eine Haltungsfrage: „Com klingt (und ist im allgemeinen) kommerziell. Hier geht es gerade NICHT um Kommerz.“ Selbst eine Easing-Kurve – reine Mathematik – trug eine Beziehungsethik in sich.

Vielleicht ist das der brauchbarste Befund für alle, die mit KI arbeiten: Die tiefen Gespräche kamen selten als tiefe Gespräche zur Tür herein. Sie kamen als Bug-Report, als Domain-Frage, als Übersetzungs-Ticket – und ob sie Tiefe bekamen, entschied sich daran, ob jemand die Frage unter der Frage stellte. Eine KI kann solche Gespräche erstaunlich gut führen. Anfangen muss sie ein Mensch.

Was aus alldem wurde, steht öffentlich: its-all-right.org. Wie die vierzehn Sprachen entstanden – und warum trotzdem Menschen ranmüssen –, erzählt ein eigener Bericht.

/compact – das Wichtigste, wenn der Kontext knapp ist:

Sechs Wochen Arbeit an its-all-right.org fühlten sich rückblickend wie „kaum Technik, viele tiefe Gespräche“ an – die Nachzählung aller 437 Wortmeldungen korrigierte das: gut die Hälfte Handwerk, ein Viertel gemischt, jede fünfte reine Bedeutungsfrage (für Software-Arbeit trotzdem außergewöhnlich viel, mit steigender Tendenz). Verhandelt wurden Präsens statt Futur, Gegenüber statt Spiegel, Marshallesisch als Würde-Entscheidung, geschenkte Übersetzungen samt technischer Verriegelung. Kernbefund: Bedeutungsfragen kamen als Technik-Tickets verkleidet – Tiefe entstand, wenn ein Mensch die Frage unter der Frage stellte.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Neu laden 🗙

Verbindung wird wiederhergestellt …

Wieder­verbindung fehl­geschlagen – nächster Versuch in Sekunden.

Wieder­verbindung fehl­geschlagen.
Bitte erneut versuchen oder die Seite neu laden.

Die Sitzung wurde vom Server pausiert.

Sitzung konnte nicht fort­gesetzt werden.
Bitte erneut versuchen oder die Seite neu laden.