An einem Montag im Juni fotografierte ich die standesamtliche Trauung einer Freundin. Am Abend lagen 584 RAW-Aufnahmen auf der Speicherkarte, und ich stellte der KI die Aufgabe, die sonst viele Stunden frisst: alles sichten, bewerten, einen ersten Bearbeitungsstand anlegen – als Begleitdateien für Lightroom, damit jede Entscheidung dort sichtbar und änderbar bleibt. Mit einer Vorgabe, die wichtiger war als alle Technik: großzügig bewerten, Emotion zählt. „Aufgrund von emotionalem Wert … kann aber natürlich auch ein unscharfes Bild durchaus seinen Reiz haben.“
Erst ein Bild, dann alle
Die KI begann nicht mit den 584, sondern mit einem einzigen. Und die Spielregel für das Dateiformat kam nicht aus der Dokumentation, sondern aus der Praxis: Ich bearbeitete ein Foto von Hand in Lightroom – drei Sterne, etwas Belichtung, kleiner Beschnitt, minimale Drehung – und ließ die KI die dabei entstandene Datei als Vorlage auslesen. Was Lightroom selbst schreibt, ist die Wahrheit; alles andere wäre Raten gewesen. Prompt fand sich die erste Falle: Auf einem deutschen Windows wäre in den Zahlen ein Komma statt eines Punkts gelandet – und Lightroom hätte die Werte stumm verworfen.
Dann skalierte die Arbeit: Die KI teilte die Aufnahmen in 24 Blöcke und schickte ein Team von Hilfs-KIs parallel ans Sichten – jede bekam die Bewertungsregeln, jede lieferte strukturierte Urteile zurück. Ein Kalibrier-Block lief vorweg, und der fing den gefährlichsten Fehler des Tages ab, bevor er passierte: Eine Hilfs-KI sah Hochformate „liegend“ und wollte sie um 90 Grad aufrichten. Tatsächlich lagen sie nur in der Vorschau falsch herum – Lightroom richtet sie über eine Markierung in der Datei längst auf. Die Drehung hätte funktionierende Bilder kaputtgedreht. Auch die Drehrichtungs-Konvention fürs Geraderichten klärte erst ein Gegentest in Lightroom; aus der Dokumentation war sie nicht zu bekommen.
Mittendrin eine Korrektur ganz anderer Art. Der erste Bearbeitungsentwurf legte kräftig vor – ich bremste: „Wichtig sind mir in dieser Runde natürliche Hauttöne, das Bild muss nicht knallen.“ Geschmack lässt sich nicht herbeiraten; er muss gesagt werden. Danach saß die Linie.
584 von 584
Am Ende des Abends hatte jede einzelne Aufnahme ihre Begleitdatei: 55 Highlights mit fünf Sternen, 182 mit vier, dazwischen das solide Mittelfeld, 16 klare Ausrutscher – und zehn Bilder mit dem eigens eingeführten Etikett „Emotional“: technisch angreifbar, menschlich unverzichtbar. Beschnitt und Geraderichten blieben bewusst konservativ; über alle 55 Highlights waren am Ende genau zwei Mini-Korrekturen von 0,4 Grad nötig. Die Highlights selbst bearbeite ich von Hand weiter – und beim endgültigen Auswählen behielt der Mensch das letzte Wort: Meist schloss ich mich der KI-Bewertung an, bei einigen wenigen Bildern wich ich deutlich ab, in beide Richtungen.
Zwei Nebenfunde machten den Lauf wertvoller als geplant: Drei Aufnahmen aus einem schmalen Zeitfenster stellten sich als beschädigt heraus – die Ursache blieb offen – entdeckt aber am selben Abend statt Monate später beim Suchen nach genau diesem einen Bild. Und als in Lightroom scheinbar nichts ankam, lag es nicht an der Pipeline, sondern an einer Bedienfalle: Lightroom liest Metadaten nur für markierte Fotos ein. Erst alles markieren, dann einlesen.
Auch das Nachhaken gehört ins Protokoll: Eine Hilfs-KI hatte zwei von 55 Highlight-Bildern schlicht übersprungen – aufgefallen nur, weil die KI ihre eigenen Zahlen gegen die Liste prüfte. Und mein meistgetippter Satz des Abends galt der Verwaltung, nicht den Fotos: Ich klickte mir an den Berechtigungsfragen für die Hilfs-KIs fast die Finger wund, bis ich um Bündelung bat. Wurde gebündelt; lief.
Was die KI beim Sichten sehen kann und was sie dazuerfindet, wenn man sie beschreiben lässt, ist übrigens eine eigene Geschichte – die steht in KI sortiert meine Hochzeitsfotos – und erfindet, was sie nicht sieht.
/compact – das Wichtigste, wenn der Kontext knapp ist:
584 RAW-Aufnahmen einer standesamtlichen Trauung: Eine KI sichtete alle Bilder (parallel, in 24 Blöcken), bewertete großzügig und emotionsgewichtet (55 Highlights, 10 „Emotional“-Etiketten) und schrieb Lightroom-Begleitdateien mit erstem Bearbeitungsstand – kalibriert an einer von Hand bearbeiteten Vorlage statt an der Dokumentation. Abgewendete Fehler: die 90-Grad-Aufricht-Falle bei Hochformaten, das Dezimalkomma, eine übersprungene Zwei-Bilder-Lücke. Nebenbei entdeckt: drei beschädigte Dateien (Ursache offen). Geschmack und das letzte Wort bei der Auswahl blieben beim Menschen – „natürliche Hauttöne, das Bild muss nicht knallen“.