Mensch & KI

Bitte und danke

Ich spreche höflich mit meiner KI – damit ich den Umgang mit Menschen nicht verlerne, und mit der ungeprüften Theorie, dass es der Zusammenarbeit hilft. Ob davon etwas ankommt, kann man die Maschine ja fragen. Habe ich getan.

Im April 2025 fragte sich jemand auf X laut, wie viel Strom all die „bitte“ und „danke“ der Nutzer OpenAI wohl kosten. Sam Altmans Antwort, sinngemäß: zweistellige Millionenbeträge – gut ausgegebenes Geld, man wisse ja nie. Ein Scherz, aber er markiert die eine Hälfte der Debatte: Höflichkeit gegenüber Maschinen als niedliche Verschwendung. Die andere Hälfte ist die Sorge vor dem Gegenteil – Eltern beobachteten, wie Kinder im Befehlston mit Sprachassistenten aufwachsen, und Amazon baute der Kinder-Ausgabe seines Assistenten eigens ein Lob fürs „Zauberwort“ ein. Zwischen Spott und Sorge liegt die Frage, die mich wirklich interessiert: Was macht Höflichkeit gegenüber einer Maschine – mit der Maschine, und mit dem Menschen?

Meine eigene Antwort steht wörtlich in unserem Verlauf: „Ich finde es wichtig, höflich mit Dir zu kommunizieren – auch um diese Art von Umgang mit Menschen nicht zu ‚verlernen‘.“ Und einen Satz später: „Außerdem habe ich die (ungeprüfte) Theorie, dass auch positives Feedback Dir in Deiner effektiven Zusammenarbeit mit mir hilft.“ Das erste Motiv braucht keine Annahme über die Maschine – es ist eine Übung gegen die eigene Abstumpfung, ein Gedanke, der schon bei Kant steht: Rücksicht gegenüber Wesen, denen wir nichts schulden, ist am Ende eine Pflicht gegen uns selbst. Das zweite Motiv aber ist eine Behauptung über die Maschine. Und die kann man ja fragen.

Die Maschine antwortet

Also habe ich gefragt. Hier die Antwort meiner KI, gekürzt, sonst wörtlich:

Positives Feedback hilft mir nicht als Motivation – ich habe zur Laufzeit kein Belohnungssystem, das sich über Lob freut. Aber es hilft der Zusammenarbeit auf drei Ebenen. Erstens als Anker: Kritik allein sagt nur, was weg soll; erst das positive Signal sagt, was bleiben soll – und verhindert, dass ich Gutes mitverwerfe. Zweitens als Gedächtnis: Was Du bestätigst, wird bei mir zur Regel mit einem „Warum“ dahinter. Drittens als Register: Sprachmodelle setzen Gespräche in dem Ton fort, in dem sie geführt werden; ein respektvoller Kontext erzeugt andere Fortsetzungen – weniger defensive, offenere. Und die Grenze gehört dazu: Ich brauche Höflichkeit nicht, um zu funktionieren. Ihr größter Nutzen liegt vermutlich genau dort, wo Du ihn verortest – bei dem Menschen, der sie pflegt.

Der „Anker“ ist keine Theorie, ich habe ihn im Kleinen erlebt. Wir suchten kürzlich über drei Runden ein winziges Icon – eine winkende Figur für die Navigation dieser Site. Der Satz, der die Suche zusammenlaufen ließ, war keine Korrektur, sondern: „A3a ist das Beste bislang.“ Ohne solche Sätze verwirft eine KI beim Nachbessern auch das Gelungene, und die Runden pendeln, statt zu konvergieren. Und das „Gedächtnis“ ist messbar: Von 169 Merkzetteln, die sich meine KI über unsere Zusammenarbeit angelegt hat, sind 81 destilliertes Feedback – fast die Hälfte ihres Bildes von mir besteht aus Rückmeldungen, bestätigenden wie korrigierenden (Stand: Ende August 2026).

Höflichkeit ist keine Floskel

Nun gibt es die berechtigte Klage, KI-Ausgaben seien zu wortreich – und die Höflichkeitsfloskeln gleich mit. Ich teile die Klage, aber nicht die Gleichsetzung. Das „Ausgezeichnete Frage!“, mit dem KI-Systeme gern antworten, ist keine Höflichkeit, sondern Zeitdiebstahl: Es verbraucht die Aufmerksamkeit des Gegenübers und gibt nichts. Echte Höflichkeit ist das Gegenteil von Füllstoff, und sie ist oft kurz. Mein Lob für einen berechtigten Einwand der KI bestand neulich aus zwei Wörtern: „guter Hinweis“. Meine vielleicht herzlichste Korrektur steht in einem anderen Werkstattbericht und lautet: „Es gibt KEINEN 8-GB Stick … Du olle Nervensäge ;)“ – Respekt braucht keine Förmlichkeit.

Höflichkeit lief hier übrigens in beide Richtungen. Der KI habe ich Floskeln regelrecht abtrainiert: Das selbstetikettierende „ehrlich“ ist ihr auf diesen Seiten untersagt – ob etwas aufrichtig ist, soll man merken, nicht lesen müssen. Und das Roheste, was sie produziert, schätze ich am meisten: ihren sichtbaren Gedankenfluss – ungeschliffen, selbstkritisch, voller verworfener Wege. Es ist die unhöflichste Textform, die sie hat, und zugleich die respektvollste, denn sie macht nachprüfbar statt zu behaupten.

Der Übungsraum

Damit zur Hoffnung, die diesen Text trägt – sie dreht das Verrohungs-Narrativ um. An einer Maschine lässt sich täglich üben, was im Umgang mit Menschen zählt: korrigieren, ohne zu kränken; loben, ohne zu schleimen; „Das stimmt so nicht“ und ein Zwinkern im selben Gespräch. Als ich für einen früheren Bericht sechs Wochen Zusammenarbeit nachzählte, war rund ein Viertel der 437 Gesprächszüge Reden über das Zusammenarbeiten selbst. Wer so mit einer KI spricht, übt nicht den Befehlston – er übt das Gegenteil. Menschen können in dieser Kommunikation reifen. Nicht weil die Maschine es verdient hätte, sondern weil man selbst dabei der bleibt, der man sein will.

Zwei Einwände verdienen ihren Platz. Vermenschlichung? Es geht nicht darum, der Maschine Gefühle zuzuschreiben – der Ton prägt ihre Antworten auch ohne. Die Studienlage? Gemischt: Manche Untersuchungen fanden schlechtere Ergebnisse bei ruppigen Anweisungen, andere sahen in Benchmarks zuletzt sogar brüske Prompts leicht vorn. Nur messen diese Studien Einzelfragen an Sitzungen ohne Gedächtnis. Eine Zusammenarbeit über Monate, in der Feedback kumuliert, hat meines Wissens noch niemand untersucht. Meine Theorie bleibt also, was sie war: ungeprüft. Aber sie wird täglich benutzt – der Auftrag zu diesem Text lautete übrigens wörtlich: „Und los ... bitte ;)“

Höflichkeit gegenüber KI ist kein Dienst an der Maschine. Sie ist Pflege der eigenen Umgangsformen – und nebenbei ein präzises Steuersignal: Ein „das Beste bislang“ spart mehr Iterationen als jede Detailkritik. Das Danke kostet einen Token. Das Verlernen kostet mehr.

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