Mensch & KI

Wofür ich KI wirklich benutze

Code und Texte – klar. Aber sonst? Ich habe die KI meine 291 Chats aus vier Monaten durchforsten lassen. Es geht erstaunlich oft um Erdlöcher, Wasserzähler und einen Klöppelbrief.

Wer viel mit KI arbeitet, bekommt eine bestimmte Sorte Fragen: nach Code, nach Texten, nach der Angst um Arbeitsplätze. Alles berechtigt – diese Site ist der Beleg für die ersten beiden. Aber als ich neulich wissen wollte, wofür ich KI tatsächlich benutze, habe ich nicht mein Gedächtnis gefragt, sondern die Maschine selbst: Sie bekam den Datenexport meiner Chats – 291 Gespräche aus vier Monaten, neben rund 160 Arbeitssitzungen am Code – und den Auftrag, zu sortieren.

Herausgekommen ist eine Inventur der Nutzungen, über die selten jemand spricht. Und die unauffälligste Erkenntnis ist die größte: Es gibt kein „KI-Thema". Dieselbe Maschine, die morgens an dieser Website schraubt, bestimmt mittags ein Tier im Garten und seziert abends ein Vertragsangebot.

Zeigen statt beschreiben

Die am meisten unterschätzte Schnittstelle ist die Kamera. „Hast Du eine Idee, was hier graben könnte?" – ein Foto vom Erdloch im Garten, eine Einschätzung samt Rückfragen zurück. Ein anderes Tier wollte ich nicht nur bestimmt haben, sondern gleich wissen, ob es in Nordrhein-Westfalen meldepflichtig ist. Eine Handvoll Steine, mit der Bitte um begründete Vermutungen. Und einmal wurde das Foto zum Beweismittel: Der Versorger meldete, mein Wasserzählerstand sei „unplausibel" – das Bild vom Zähler sagte etwas anderes.

Beschreiben ist mühsam und fehleranfällig. Zeigen ist schneller – und die Rückfragen der KI sind oft besser, als meine Beschreibung gewesen wäre.

Der geduldige Ko-Operator

In der Inventur stechen ein paar Gespräche heraus, die keine Fragen mehr sind, sondern Arbeitstage. Das Upgrade meiner beiden Domänencontroller von Windows Server 2022 auf 2025: über 250 Wortwechsel in einem einzigen Gespräch, vom ISO-Image bis zum letzten Neustart. Der Einstieg in Home Assistant mit meinen Zigbee-Geräten: 458 Nachrichten am Stück, ohne eine einzige Abzweigung – man tastet sich gemeinsam voran, Fehlermeldung für Fehlermeldung. Kleiner, aber dramatischer: der Moment, als am PC ein kompletter Signal-Chatverlauf verschwand. Das Smartphone flog in den Flugmodus, bevor es das Löschen übernehmen konnte – und dann saßen wir zu zweit über der Frage, wie sich der Verlauf von dort retten lässt.

Die Grenze dieser Sorte Hilfe habe ich auch ausgelotet: Ich habe allen Ernstes nach einem bezahlbaren Roboter gefragt, der eine Tastatur bedienen kann. Langsam tippen würde reichen, Strg-Alt-Entf muss drin sein. Denn die fähigste Software endet an dem Rechner, der nicht mehr hochfährt. (Was passiert, wenn Hardware ernsthaft Ärger macht, ist ein eigener Bericht.)

Rückgrat in Kleinigkeiten

Eine Nutzung, die ich vorher nicht auf der Rechnung hatte: die KI als Rückgrat gegenüber Institutionen. Der Wertstoffhof verweigerte die Annahme eines kleinen USV-Akkus – also die geltenden Regeln heraussuchen lassen; mit Fundstelle diskutiert es sich anders. Die Antwort des Versorgers auf den Zähler-Einspruch blieb unbefriedigend – also gemeinsam den nächsten Schritt formuliert. Ein Mobilfunk-Angebot gegen den laufenden Vertrag gerechnet, Kündigungsfristen nachgeschlagen. Nichts davon ist spektakulär. Aber es verschiebt ein Machtverhältnis: Wer nachschlagen lässt, gibt seltener klein bei.

Für andere

Der auffälligste Posten der Inventur: wie oft die Antworten gar nicht für mich waren. Aus „Manche Autobahnkreuze sehen aus der Vogelperspektive aus wie Kunstwerke" wurde ein Klöppelbrief – eine Vorlage, aus der zu Hause Spitze werden kann. Zum 80. Geburtstag eines Freundes: ein Jahr KI-Zugang als Geschenk, samt der Recherche, wie man so etwas überhaupt verschenkt. Nach einer Wanderwoche auf den Azoren mit einem Freund: die Suche nach einem portugiesischen Restaurant für sein Geburtstagsgeschenk. Für eine befreundete Familie: die Haussuche im Ruhrgebiet. Für einen Freund mit neuem Computer: die Outlook-Kontakte aus einer alten Windows-7-Sicherung ausgegraben. Für meine Enkeltochter: mehr Akkulaufzeit fürs iPhone – und ein Sonntagsprogramm „für eine Fünfzehnjährige und ihren Opa".

Wenn diese Inventur eine These hergibt, dann diese: Der Nutzen von KI bleibt selten bei dem, der den Chat öffnet. Er wird weitergereicht.

Prüfen statt glauben

Und dann die Sorte Nutzung, die dieser Site am nächsten liegt. Eine Anzeige verspricht, „Laufzeit-ETFs" seien die bessere und lukrativere Alternative zum Sparen – so ein Satz wandert bei mir inzwischen direkt in die Recherche. Meine Geldanlage habe ich der KI nicht übertragen, aber eine Frage konnte ich mir nicht verkneifen: wie viel KI-Blase eigentlich in meinen eigenen ETFs steckt. Die Antwort war differenzierter als die Schlagzeilen – entschieden wird trotzdem ohne sie. Eine Mail, die angeblich von PayPal kam, habe ich als Phishing verdächtigt und mir den Verdacht bestätigen lassen. Und es geht auch andersherum: Als mir eine KI-Aussage zu einem Nahrungsergänzungsmittel nicht schlüssig vorkam, habe ich mit der Quelle nachgehakt. Warum dieses Misstrauen Methode ist, steht hier.

Die Inventur selbst

Bleibt die Methode – und die ist selbst ein Posten für diese Liste: Für diesen Artikel hat die KI 291 eigene Chats durchforstet und verdichtet. Zur Wahrheit gehört der Bodensatz dazu: warum Longdrinks Longdrinks heißen, woher die Blaue Donau ihren Namen hat, wann die Sommerferien anfangen – dazu rund sechzig titellose Zwei-Fragen-Chats und auch mal eine Gesundheitsfrage. Alltag eben.

Und mittendrin die schönste Wendung. Als mir die KI die längsten Gespräche präsentierte – 514 Nachrichten für das Server-Upgrade –, fragte ich zurück: „Forks beachtest Du bei der Zählung?" Hatte sie nicht. Wer eine Frage neu formuliert, lässt im Chatverlauf einen verworfenen Ast stehen; die Maschine hatte Äste mitgezählt. Nach der Korrektur schrumpfte die Zahl nur wenig – aber sie schrumpfte. In einem früheren Bericht hat eine solche Zählung meine Erinnerung korrigiert. Diesmal habe ich die Zählung korrigiert. Prüfen statt glauben funktioniert in beide Richtungen – und gehört damit ganz oben auf die Liste, wofür ich KI wirklich benutze.

/compact – das Wichtigste, wenn der Kontext knapp ist:

Eine KI durchforstete 291 eigene Chats aus vier Monaten (plus rund 160 Code-Sitzungen): Neben Code und Texten dominiert das Unauffällige – Fotos statt Beschreibungen (Erdloch, Tier, Wasserzähler als Beweismittel), Marathon-Begleitung (Server-Upgrade mit über 250 Wortwechseln, Home Assistant mit 458 Nachrichten am Stück), Rückgrat gegenüber Institutionen (Wertstoffhof, Versorger, Vertragsangebote), Hilfe, die weitergereicht wird (Klöppelbrief, Geschenke, Haussuche, Enkeltochter) und Gegenprüfung von Werbeversprechen wie von KI-Aussagen selbst. Pointe der Methode: Die Nachrichten-Zählung musste um verworfene Chat-Äste (Forks) bereinigt werden – aufgefallen ist das dem Menschen.

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